„Wie blicken Sie heute auf die Zeitenwende, Herr Scholz?"
Ein Zeughaus-Gespräch mit dem ehemaligen Bundeskanzler Olaf Scholz am 24. Februar 2026
Vier Jahre nach dem russischen Überfall auf die Ukraine sprach Sebastian Turner, Herausgeber von Table.Briefings und unser Kooperationspartner für das 38. Zeughaus-Gespräch im Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums, mit dem ehemaligen Bundeskanzler Olaf Scholz. Der damalige Bundeskanzler hatte am 27.02.2022 eine viel zitierte Regierungserklärung abgegeben. „Wir erleben eine Zeitenwende”, formulierte er damals in einer Sondersitzung im Deutschen Bundestag. „Und das bedeutet: Die Welt danach ist nicht mehr dieselbe wie die Welt davor.“
Erinnerungen und Einschätzungen: Februar 2022
An diesem Dienstagabend im DHM schilderte Scholz, wie er den 24. Februar 2022 erlebte hatte. Er sei in den frühen Morgenstunden informiert worden und habe „auch mit Selenskyj telefoniert in der Nacht“. Schon in den Tagen zuvor habe es keine Zweifel mehr gegeben, dass der Angriff unmittelbar bevorstehe. Spätestens mit der russischen Anerkennung der sogenannten Volksrepubliken, so betonte er, habe man sich „überhaupt keine Illusionen mehr machen“ können.
Wenige Tage zuvor hatte Scholz Kiew und Moskau besucht. Auf seine direkte Frage an den russischen Präsidenten, ob es passieren könne, dass er auf dem Rückflug aus dem Flugzeugfenster startende Kampfjets Richtung Ukraine sehe, habe dieser nicht geantwortet – „also nicht nein gesagt“. Für Scholz war dies ein unmissverständliches Signal.
Zum möglichen NATO‑Beitritt der Ukraine habe es unter westlichen Staats- und Regierungschefs ohnehin Einigkeit gegeben, dass dies „die nächste Zeit nicht“ bevorstehe, wie Scholz, Biden und Macron auch in Kiew bekräftigt hätten. In einer Pressekonferenz habe er sogar halb scherzhaft gesagt, dies werde „die nächsten 30 Jahre“ nicht passieren. Rückblickend sei er überzeugt, dass Putin diesen Krieg gewollt und „spätestens zwei Jahre vorher fest geplant“ habe. Niemand hätte ihn davon abbringen können.
Putin werde „diesen Krieg nicht mehr gewinnen.“ Scholz erläuterte, warum: Russland habe keines seiner Ziele erreicht – weder die Demilitarisierung der Ukraine noch politische Kontrolle – und müsse nun „eine souveräne Ukraine“ akzeptieren.
Ein Gespräch an einem vertrauten Ort
Während der Publikumsfragen gab Scholz zu verstehen, dass er die Ausstellung „Roads not taken. Oder: Es hätte auch anders kommen können“ im Deutschen Historischen Museum besucht hat. Es sei immer sehr kompliziert im Nachhinein zu erörtern, wer Recht und Unrecht gehabt habe. „Es gab hier ja eine wunderbare Ausstellung, was wäre, wenn die Geschichte anders abgebogen wäre, aber ich bin davon überzeugt und das sage ich jetzt auch einfach so klar, dass es richtig war, dass ich die gesamte deutsche Nachkriegspolitik geändert habe nach dem russischen Überfall auf die Ukraine in Bezug auf Waffenlieferungen in ein Kriegsgebiet.“
Zum persönlichen Ausblick erklärte Scholz, er habe angefangen zu schreiben, ließ aber offen, worum es gehen werde, und deutete gleichzeitig an, dass er sich auch mehr als einmal publizistisch äußern wolle.
Als Dankeschön für diesen spannenden Gesprächsabend überreichte Hubert Piel, der stellvertretende Vorsitzende des Museumsvereins, Olaf Scholz eine Geschenkmitgliedschaft.
Wir danken unserem Kooperationspartner Table.Briefings für die gelungene Zusammenarbeit.
Fotografien: Sandra Kühnapfel/Museumsverein DHM







