„Reverse Shot. Bilder deutscher Verbrechen in Europa"
Das DHM und das Dokumentationszentrum „Zweiter Weltkrieg und deutsche Besatzung in Europa“ (ZWBE) erhalten Förderzugabe für ein Vermittlungsprojekt
Im letzten Jahr trug die Arbeit des Dokumentationszentrum „Zweiter Weltkrieg und deutsche Besatzung in Europa“ (ZWBE) in der sehenswerten Ausstellung „Gewalt ausstellen. Erste Ausstellungen zur NS-Besatzung in Europa, 1945-1948“ Früchte. In diesem Jahr lud das ZWBE gemeinsam mit dem DHM zur der sehr interessanten Gesprächsreihe „Legacies of Occupation. Nationalsozialismus und europäische Gegenwart„ ein, die am 28. Oktober 2026 weitergeführt wird.
Nun freuen wir uns sehr, dass das DHM mit dem ZWBE die Förderzusage für dasVermittlungsprojekt „Reverse Shot. Bilder deutscher Verbrechen in Europa“ erhalten hat.
Im Rahmen des Projekts wird das DHM gemeinsam mit jungen Erwachsenen eine digitale deutsch-englische Webanwendung entwickeln, die einen transnationalen Blick auf die deutsche Besatzungsherrschaft im Zweiten Weltkrieg eröffnet. Über einen Zeitraum von knapp zwei Jahren entstehen neue Zugänge zu Fotografien deutscher Verbrechen in Europa, die deutlich machen, dass die nationalsozialistischen Verbrechen große Teile des Kontinents erfassten. Das Projekt verbindet historische Aufklärung mit digitaler Bildungsarbeit und lädt insbesondere junge Menschen dazu ein, sich kritisch mit Bildern, Erinnerungskultur und den Folgen deutscher Besatzungspolitik auseinanderzusetzen.
Täterfotografien prägen bis heute die Wahrnehmung der deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. Zugleich verändern künstliche Intelligenz und digital manipulierte Bilder den Umgang mit fotografischen Quellen grundlegend. Vor diesem Hintergrund wird die Webanwendung während der deutschen Besatzung entstandene Fotografien kritisch analysieren und ihnen die Perspektiven der Opfer gegenüberstellen.
Raphael Gross, Präsident der Stiftung Deutsches Historisches Museum: „Die Erinnerung an die NS-Verbrechen in Europa ist bis heute stark von Täterfotografien geprägt. Mit ‚Reverse Shot‘ wollen wir diesen Blick umkehren und zeigen, was diese Bilder ausblenden. Zugleich eröffnen wir eine europäische Perspektive auf die deutsche Okkupation […]. Angesichts der aktuellen digitalen Herausforderungen wird die Fähigkeit, historische Fotografien kritisch zu lesen, zu einer zentralen demokratischen Kompetenz.“
Ausgangspunkt ist der Bestand des Propaganda-Kompanie-Fotografen Gerhard Gronefeld in der Sammlung des DHM. Anhand konkreter Beispiele aus West- und Osteuropa werden zentrale Aspekte der deutschen Besatzungsherrschaft vermittelt – vom Besatzungsalltag über Zwangsarbeit und „Partisanenbekämpfung“ bis hin zu Vernichtungskrieg und Völkermord. Die Webanwendung soll die Fähigkeit fördern, solche Bilder kritisch zu lesen, ihre Entstehungskontexte zu hinterfragen und Leerstellen sichtbar zu machen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der partizipativen Entwicklung der Anwendung. Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe II sowie Studierende beteiligen sich in Workshops und Case Studies an der Konzeption und Evaluierung. Ein wichtiger Partner ist das Historische Seminar der Universität Leipzig, wo Raphael Gross als Lehrbeauftragter ein projektbegleitendes Seminar anbieten wird.
Das Projekt wird aus Mitteln des Bundesministeriums der Finanzen (BMF) gefördert und im Rahmen des Förderprogramms Bildungsagenda NS-Unrecht von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) umgesetzt.
Aus der Sammlung Fotografie des DHM: Aufnahmen Gerhard Gronefelds, der die Wehrmacht im deutsch besetzten Europa als Propaganda-Fotograf begleitet. Foto: DHM