„Wo ich wohne" – eine Ausstellung anlässlich den 80. Jubiläums des Haus am Waldsee
Letzte Chance: Nur noch bis Sonntag, 27. September 2026
Im exklusiven Villenviertel von Zehlendorf ließ der jüdische Textilunternehmer Hermann Knobloch 1922 eine Villa im englischen Landhausstil errichten. Ein Jahr später zog er mit seiner Familie ein. Bereits 1926 musste die Familie das Haus aus finanziellen Gründen wieder verkaufen. Als sich die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung zunehmend verschärfte, floh sie 1936 nach Buenos Aires. Ein Großteil ihres Vermögens wurde vom NS-Staat beschlagnahmt. Ab 1942 diente die Villa als Dienstsitz von Karl Melzer, dem Vizepräsidenten der Reichsfilmkammer, der die nationalsozialistische Filmpolitik maßgeblich mitprägte.
Den Zweiten Weltkrieg überstand das Gebäude weitgehend unbeschadet. Schon kurz nach Kriegsende entwickelte sich die Villa zu einem Ort der Kunst und Kultur. Diese neue Rolle institutionalisierte sich 1946, als das Kunstamt des Bezirks Zehlendorf begann, das Haus mit Ausstellungen zu bespielen. Den Auftakt bildete eine Schau mit Werken der wenige Monate zuvor verstorbenen Käthe Kollwitz.
Mit der Ausstellung „Wo ich wohne“ blickt das Haus am Waldsee auf die Geschichte der Villa zurück, in der sowohl Opfer als auch Täter*innen des Nationalsozialismus gelebt haben. Zugleich reflektiert die Schau die eigene Ausstellungsgeschichte.
Beim Eintreten in die Ausstellungsräume bleibt der Blick unwillkürlich an den braunen Stellwänden aus Spannholz hängen. Diese Trennwände sind keine Ausstellungsarchitektur im klassischen Sinne. Der Künstler Richard Venlet nutzt sie, um die bürgerliche Raumaufteilung zu irritieren und gewohnte Blickachsen aufzubrechen. Es entstehen neue Wege und Wahrnehmungen. So ist bereits im ersten Raum das gemütliche Knistern eines Feuers zu hören, während die dazugehörige Arbeit erst über einen späteren Raum erreichbar ist. Das vermeintlich Behagliche entlarvt sich schließlich als die Videoarbeit Burn (2002) von Patrick Jolley und Reynold Reynolds, in der ein Haus in Flammen aufgeht, während seine Bewohner*innen ungerührt ihrem Alltag nachgehen.
Die Fotografien von Robert Haas verweisen eindrücklich auf die Abwesenheit jüdischer Familien. Im Auftrag dokumentierte der Fotograf 1937/38 die Einrichtung jüdischer Haushalte in Wien kurz vor der erzwungenen Emigration ihrer Bewohner*innen. Mit diesen Aufnahmen finanzierte der jüdische Künstler seine eigene Flucht.
Besonders im Gedächtnis geblieben sind mir auch die Werke von Hannah Höch. Statt ihrer bekannten dadaistischen Collagen ist sie hier mit naturalistischen Aquarellen und Zeichnungen aus den späten 1930er Jahren vertreten. Zu dieser Zeit war die Künstlerin mit einem Ausstellungsverbot belegt. Die Landschaft ihrer unmittelbaren Umgebung wird für Höch zum zentralen Motiv, während sie gleichzeitig Werke verfemter Dada-Künstler*innen heimlich in ihrem Garten versteckt.
Falls Sie es diese Woche noch schaffen, kann ich Ihnen den Besuch dieser Ausstellung nur empfehlen. Neben den genannten Arbeiten sind auch die Werke von Nigin Beck, Rhea Dillon, Alexandre Khondji, Atiéna R. Kilfa, Henry Koerner, Yoora Park, Oskar Schlemmer, Renée Sintenis, Ian Waelder und Frau von Zinowiew sehenswert und eindrucksvoll.
Zudem ist das Haus am Waldsee gerade im Spätsommer und Herbst ein besonders reizvolles Ausflugsziel. Nach dem Ausstellungsbesuch lädt der Garten dazu ein, bei einem Getränk die Eindrücke noch etwas nachklingen zu lassen.
Oben: Installationsansicht „Wo ich wohne”, Haus am Waldsee, 2026, Foto: Frank Sperling





